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20 Jahre nach der ICE-Katastrophe: „Es waren schreckliche Bilder, die im Gedächtnis geblieben sind!“

Wie hat sich die „Hilfe für Helferinnen und Helfer“ seither entwickelt?
Ein Blick zurück und nach vorne im Gespräch mit Dr. Jutta Helmerichs, Referatsleiterin für Psychosoziales Krisenmanagement im BBK und damalige Leiterin der Eschede-Einsatznachsorge.

Blick auf Gedenkstätte von Eschede Blick auf Gedenkstätte von Eschede, Gedenkstätte Eschede (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Blick auf Ge­denk­stät­te von Esche­de Quelle: Jörn Fries

Beim Zugunglück in Eschede wurde erstmals in Deutschland nach einer Großschadenslage Einsatznachsorge angeboten. Sie wurde von den Einsatzkräften breit akzeptiert und war für viele hilfreich und entlastend. Seither ist die „Hilfe für Helferinnen und Helfer“ ein fester Begriff im Einsatzwesen.

Am 3. Juni 1998 entgleist ein ICE auf seinem Weg von München nach Hamburg um 10.59 Uhr in der Ortschaft Eschede nördlich von Hannover in Niedersachsen und prallt gegen eine Brücke. 99 Zugpassagiere und zwei Gleisarbeiter sterben, 123 Reisende werden zum Teil schwer verletzt, Hunderte von Angehörigen und Hinterbliebenen sind plötzlich konfrontiert mit Verlust, Trauer und Verzweiflung.

Die Rettungsarbeiten an der Unglückstelle sind nach wenigen Stunden abgeschlossen und die Verletzten auf Kliniken im norddeutschen Raum verteilt. Am Abend werden die Toten durch örtliche Bestatter, Bundeswehrkräfte und Einsatzkräfte des Technischen Hilfswerks (THW) zur Identifizierung in die Medizinische Hochschule Hannover gebracht, gleichzeitig wird in Eschede in einer Gemeindehalle eine Betreuungsstelle für die anreisenden Angehörigen eingerichtet.

Die Bergungs- und Aufräumarbeiten dauern fast eine Woche. Insgesamt sind rund 2.000 haupt- und ehrenamtliche Kräfte aus den Hilfsorganisationen, privaten Rettungsdiensten und Feuerwehren, des Technischen Hilfswerks, der Länderpolizeien und Polizeien des Bundes, der Bundeswehr und der regional stationierten englischen Armee eingesetzt.

Ein großer Teil dieser Einsatzkräfte, rund 700 Helferinnen und Helfer, hat nach Einsatzende eine psychosoziale Beratung in Anspruch genommen. Denn erstmals nach einem Großschadensereignis wird ein umfangreiches und dauerhaftes Unterstützungsangebot für Einsatzkräfte etabliert. Mit Mitteln des Bundes und des Landes Niedersachsen sowie der Deutschen Bahn AG kann eine „Koordinierungsstelle Einsatznachsorge“ eingerichtet werden, die anderthalb Jahre hindurch für die Einsatzkräfte und ihre Angehörigen Informationen, Einzelgespräche oder Gespräche in Gruppen anbietet oder Kontakte zu Traumaexperten herstellt.

Ein Drittel der Helferinnen und Helfer von Eschede hat eine Beratung in Anspruch genommen? Waren demnach 700 Einsatzkräfte traumatisiert?

Nein. Das oft gezeichnete Bild, dass ein Einsatz bei schweren Unglücksfällen und Katastrophen alle Einsatzkräfte traumatisiert, ist ein Mythos. Tatsächlich war es so, dass viele Helferinnen und Helfer den Kontakt zu uns suchten, um vom Einsatz zu erzählen. Sie hatten hohen Gesprächsbedarf, denn niemand geht aus solch einem Einsatz unbeeindruckt heraus. Vor allem nach einigen Wochen, wenn Verwandte und Freunde das Thema nicht mehr hören konnten, kamen die Helferinnen und Helfer zu uns, um zu reden und damit zu verarbeiten.

Welche Themen standen bei den Beratungsgesprächen im Vordergrund?

Vor 20 Jahren war viel weniger über Belastungsreaktionen im Einsatzwesen bekannt als heute. Viele Einsatzkräfte waren beunruhigt und sich selbst fremd, weil sie ihre Reaktionen nicht einschätzen konnten. Es waren schreckliche Bilder, die ihnen im Gedächtnis geblieben sind. Sie litten unter Schlafstörungen und Konzentrationsproblemen, einige fühlten sich sehr bedrückt und niedergeschlagen, andere wiederum waren aggressiv oder geplagt von Alpträumen. Allein unsere Erklärung, dass es sich um normale und angemessene Reaktionen auf ein völlig unnormales Ereignis handelt, war sehr entlastend. Ein Schwerpunkt unserer Arbeit war somit die Information. Viele Eschede-Helferinnen und Helfer beschäftigten sich mit der Frage, ob sie anders hätten handeln können. Zentrales Thema war die Ohnmacht und Hilflosigkeit angesichts der vielen Toten und auch der eingeklemmten Personen, die nicht sofort zu befreien waren. Immer wieder sprachen wir mit den Einsatzkräften über die furchtbaren Eindrücke, die sie vor Ort aufgenommen hatten. Es waren Kinder und Jugendliche unter den Toten und Verletzten, das war für die Helferinnen und Helfer besonders belastend. Problematisch war für die meisten Einsatzkräfte auch der Kontakt zu Hinterbliebenen, die Wochen und Monate nach dem Unglück an die Unglücksstelle kamen und gerne mit Helferinnen und Helfern sprechen oder sich bedanken wollten. Auch bei den Eschede-Einsatzkräften wurde dadurch der Einsatz immer wieder neu belebt. Im Übrigen kamen diejenigen, die Überlebenden helfen konnten und dann Tote bergen mussten, später in der Regel besser mit dem Einsatz zurecht als die Einsatzkräfte die nur noch Tote bergen konnten.

Sie waren anderthalb Jahre mit ihrem Angebot der Hilfe für Helfer vor Ort. Warum so lange?

Schwerwiegende Belastungsfolgen nach Einsätzen zeigen sich nicht in den ersten Stunden und Tagen, sondern Wochen oder Monate nach dem Ereignis. Deshalb ist es sinnvoll, über einen längeren Zeitraum psychosoziale Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner zur Verfügung zu stellen.

Gab es auch länger andauernde schwerwiegende Belastungen oder psychische Erkrankungen unter den Eschede-Einsatzkräften?

Für einen kleineren Teil der Einsatzkräfte, für etwa 100 Helferinnen und Helfer, brachte der Eschede-Einsatz dauerhafte Probleme mit sich. Dazu gehörten zum Beispiel schwerwiegende Krisen, vor allem in der Partnerschaft und Familie. Einige Einsatzkräfte haben eine Psychotherapie gemacht, bei einzelnen wurde eine Berufsunfähigkeit attestiert. Ein Eschede-Helfer hat sich 2004, kurz vor dem 6. Jahrestag des ICE-Unglücks, das Leben genommen. Bei all diesen gravierenden Auswirkungen ist allerdings davon auszugehen, dass der Eschede-Einsatz nicht die alleinige Ursache war.

Wie hat sich die Einsatznachsorge nach Eschede weiterentwickelt?

Gedenktafel zu dem ICE-Unglück in Eschede / Quelle: Jörn Fries Gedenktafel zu dem ICE-Unglück in Eschede / Quelle: Jörn Fries, Gedenkstätte Eschede (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Ge­denk­ta­fel zu dem ICE-Un­glück in Esche­de Quelle: Jörn Fries

„Hilfe für Helferinnen und Helfer“ wird heute umfassender gedacht und gemacht als vor 20 Jahren. Wissenschaftliche Studien zu Belastungen im Einsatzwesen und zur Wirksamkeit von Nachsorgemethoden, die das Bundesministerium des Innern und das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zur Qualitätssicherung seit 2003 in Auftrag gegeben haben, zeigen, dass Einsatzkräfte stärker psychisch belastet sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Weiterhin zeigen die Studien, dass ein einmaliges Entlastungsgespräch nach einem belastenden Ereignis nicht ausreicht, um die Rate psychischer Belastungen und Erkrankungen im Einsatzwesen möglichst gering zu halten. Vielmehr ist ein Maßnahmenpaket erforderlich. Dazu gehört zum Beispiel die Verfügbarkeit kompetenter psychosozialer Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner, optimale Arbeits- und Organisationsstrukturen und Teamzusammensetzungen, ein Klima der sozialen Anerkennung und Wertschätzung der Arbeit und die Integration von psychosozialen Themen in die Grundausbildung und Fortbildung.

Wichtig ist es auch, neben psychosozialen Fachleuten so genannte Peers, das heißt geschulte Einsatzkräfte, für die Hilfe für Helferinnen und Helfer einzusetzen. Die Einsatznachsorge in Eschede wurde breit akzeptiert, weil mehr als 85 % der Helferinnen und Helfer für die Einsatzkräfte in Eschede selbst Rettungskräfte, Feuerwehrleute, Polizeibeamte oder Bundeswehrangehörige waren.

Eine weitere Folge der Eschede-Einsatznachsorge ist die Gründung zahlreicher Nachsorge-Teams im gesamten Bundesgebiet. Mittlerweile verfügen alle Einsatzorganisationen in Deutschland (Feuerwehren, Rettungsdienste, Hilfsorganisationen, THW, Polizeien) über ausgebildete Peers und psychosoziale Fachkräfte, oft ergänzt durch spezialisierte Seelsorger im Einsatzwesen (wie Feuerwehrseelsorger, Polizeiseelsorger). Fachlich orientieren sich die Teams am schon aus Eschede bekannten Konzept des Critical Incident Stress Management (CISM) aus den USA, das an die deutschen Strukturen angepasst wurde und hier wissenschaftlich gesichert ist.

Wenn heute ein Unglück wie das in Eschede passierte, wäre die Hilfe für Helferinnen und Helfer sichergestellt?

Es kommt darauf an, wo dieses Unglück geschehen würde. Zwar ist bei den größeren Unglücken der jüngsten Vergangenheit in Deutschland mit hoher psychischer Belastung für die Einsatzkräfte, wie beispielsweise beim Terroranschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt, die Hilfe für die Einsatzkräfte professionell umgesetzt worden. Und es gibt inzwischen bundesweit einheitliche und wissenschaftlich gesicherte Qualitätsstandards und Leitlinien. Es fehlt aber die Verbindlichkeit. Derzeit erfolgt die Hilfe für Helferinnen und Helfer oft noch auf Zuruf. Hier besteht Handlungsbedarf.

Was ist für die Zukunft wichtig?

Die verbindliche Einbindung der psychosozialen Themen und Maßnahmen in die Strukturen des Einsatzwesens ist eine wichtige Aufgabe der Zukunft. Ebenso wichtig ist die verbindliche Verankerung und umfassende Behandlung von psychosozialen Themen in die Aus- und Fortbildung von Einsatzkräften.