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Interview aus der Reihe „Fünf Fragen an…“

mit Ria Uhle, Diplom-Psychologin, studierte Arbeits- und Ingenieurpsychologie in Dresden, Psychologische Psychotherapeutin, Schulpsychologin und Notfallpsychologin beim Bundesverband Deutscher Psychologen, langjährige Tätigkeit in einem Schulpsychologischen Beratungszentrum in Berlin. Seit 2008 Referentin für Gewaltprävention und Krisenintervention an Schulen bei der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft in Berlin, seit 2013 kommissarische Leitung des Schulpsychologischen Dienstes des Landes Berlin.

Was war das belastendste Ereignis im Laufe Ihrer psychologischen Arbeit, das Sie an einer Schule erlebt haben?

Uhle: Emotional belastend für Betroffene als auch für mich als Psychologin sind Situationen, in denen Kinder und Jugendlich zu Tode kommen. In meiner psychologischen Arbeit an Schulen habe ich z.B. mit Kollegen die Schule betreut, nachdem ein Kind vor den Augen der Mitschüler von einem LKW überrollt wurde und sofort tot war. In einem anderen Fall hatte sich ein Schüler das Leben genommen. Auch wenn sich der Todesfall nicht in der Schule ereignet, kann er in seiner Auswirkung auf den Schulalltag dramatisch sein. Schüler, Eltern als auch Lehrer und Erzieherinnen sind aufgewühlt. Schulpsychologen können die Schule gut bei der Aufarbeitung des Ereignisses und bei der Trauerarbeit unterstützen.

Welche Themen halten Sie im Kontext von Gewalt und Krisen für die größte Herausforderung an Berliner Schulen?

Uhle: Ein Dauerthema ist die Auseinandersetzung mit Mobbing und in unserer heutigen Zeit das Thema Cybermobbing. Verbale Angriffe, real oder medial, auf die persönliche Würde oder wiederholte körperliche Übergriffe bringen die Opfer in eine Situation, aus der sie sich selten selbst befreien können. Oft verschweigen die Betroffenen aus Scham ihre Situation und nehmen seelischen Schaden. Schüler, Lehrkräfte und Eltern müssen immer wieder aufgeklärt und sensibilisiert werden, woran man Mobbing erkennt und was man dagegen tun kann.
Cybermobbing, wie es „funktioniert“ und wie es beendet werden kann, ist eine große Herausforderung besonders für die ältere Lehrergeneration.

Eine Herausforderung stellt das Feld der Amokprävention dar. Die Angst vor einer Amoktat und eine hohe Zahl von Amokdrohungen seit dem Amoklauf in Winnenden haben dazu geführt, dass viel zur Amokprävention an Schulen getan wurde. So wurden die „Notfallpläne für Berliner Schulen“ überarbeitet, die Schulen mit Alarmanlagen ausgestattet, finden Schulungen des Schulpersonals statt, und die Bildung von Krisenteams wird unterstützt. Es bleibt eine wichtige Aufgabe, Lehrkräfte zu schulen, krisenhafte Entwicklungen bei Schülerinnen und Schülern frühzeitig zu entdecken und auffangen zu können.

Wie sehen Sie die Entwicklung von Gewalt an Schulen?

Uhle: Wir haben einerseits einen Trend, dass schwere Gewaltvorfälle an Schulen rückläufig sind. Andererseits werden uns in der Berliner Senatsbildungsverwaltung von den Schulen immer mehr Vorfälle gemeldet, die weniger schwer sind, jedoch den Schulalltag erheblich stören. Das sind z.B. Beleidigungen, Drohungen, Tätlichkeiten. Durch die Aufklärungsarbeit der letzten Jahre gibt es heute eine höhere Sensibilität. Die Verpflichtung zur Aufarbeitung in der Schule wird ernster genommen. Schulen brauchen dabei Beratung und Unterstützung. Das mit den „Notfallplänen für Berliner Schulen“ eingeführte System der Meldung von Vorfällen an Schulen in Berlin hat sich bewährt. Die schulpsychologischen Beratungszentren in den Bezirken können frühzeitig Hilfe anbieten.

Welche Ursachen gibt es, wenn Kinder und Jugendliche in der Schule gewalttätig werden?

Uhle: Die Faktoren können vielfältig sein. Oft ist es eine Mischung aus situativen und entwicklungs- bzw. persönlichkeitsabhängigen Einzelfaktoren. Manchmal eskalieren Konflikte, wachsen sich spielerische Rangeleien zu handfesten Schlägereien aus. Auch Beschämung, Zurücksetzung oder fehlende Wertschätzung im Unterricht kann ein Auslöser sein. Manche Jugendliche versuchen mit gewalttätigem Verhalten Stress zu kompensieren, der durch Selbstwertprobleme, Misserfolge in der Schule, eigene Gewalt- oder Missbrauchserfahrungen oder fehlende Zuwendung durch die Eltern ausgelöst wird. Der zusätzliche Konsum gewalthaltiger Medien kann aggressives Verhalten ebenfalls befördern.

Was können Schulen tun, damit Gewalt keinen Platz im Schulalltag hat?

Uhle: Partizipation – wir müssen die Kinder und Jugendlichen mehr einbinden in die Diskussionen über Ereignisse und Prozesse und mit Ihnen in einen aktiven Wertedialog eintreten. Ein gutes Schulklima ist geprägt von allgemein akzeptierten Regeln und gegenseitiger Wertschätzung bei aller Unterschiedlichkeit. Erwachsene sind Vorbilder, im Guten wie im Schlechten. Wertschätzend auch in Konfliktsituationen zu bleiben ist eine Kunst, die man lernen kann. Kinder und Jugendliche befinden sich in der Entwicklung. Sie testen und übertreten Grenzen. Lehrerinnen und Lehrer müssen diese Grenzen aufzuzeigen und die „Grenzverletzter“ aktiv in die Wiedergutmachung einbeziehen. Strafen allein reicht nicht aus. Nicht zu vergessen sind die Arbeit mit den Eltern und die Kooperation mit Präventionsprojekten und auch mit der Polizei.

Wir danken Ria Uhle herzlich für das Gespräch.