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Wenn Experten und Einsatzfahrzeuge der ATF zu CBRN-Lagen gerufen werden

Mehr als 2.000 Betriebe der chemischen Industrie und jährlich ca. 340 Mio. Tonnen Gefahrgüter auf Verkehrswegen in Deutschland sind potenzielle Quellen für die Freisetzung chemischer Stoffe. Trotz hoher Sicherheitsstandards kommt es dennoch zu Störfällen in Industrieanlagen und zu Verkehrsunfällen. In solchen Lagen kann die Analytische Task Force (ATF) mit ihren Einsatzfahrzeugen und Fachpersonal zur Unterstützung angefordert werden.

Jährlich ereignen sich etwa 25 größere, gemäß Störfallverordnung meldepflichtige Störfälle mit der Freisetzung chemischer Stoffe aus Industrieanlagen und ca. 250 Unfälle mit Gefahrguttransporten. Hinzu kommen jährlich einige Hundert statistisch nicht zentral erfasste chemische Lagen. Diese können verursacht werden z. B. durch die unsachgemäße Handhabung von Chemikalien durch Privatpersonen, illegale Entsorgung oder Ereignisse in Einrichtungen oder Betrieben, die nicht unter die Störfallverordnung fallen. Des Weiteren können chemische Lagen auch durch die kriminell motivierte beabsichtigte Freisetzung gefährlicher Stoffe entstehen; ein Szenario, das in Deutschland glücklicherweise bislang nur in Übungen bewältigt werden musste. Doch das Beispiel der Freisetzung des Nervenkampfstoffs Sarin durch die Aum-Sekte 1995 in Tokio zeigt, dass auch solche Szenarien bei der Gefahrenabwehrplanung nicht außer Acht gelassen werden dürfen.

Ausstattung des Bundes im Bereich CBRN-Messtechnik – das Stufenmodell

Gemäß § 13 Zivilschutz- und Katastrophenhilfegesetz (ZSKG) ergänzt der Bund die Ausstattung des Katastrophenschutzes u. a. im Aufgabenbereich CBRN-Schutz (ABC-Schutz). Die Verteilung und Gestaltung dieser Ausstattung orientiert sich dabei an so genannten Versorgungsstufen. Die Schutzstufe 1 umfasst den normierten alltäglichen Schutz. Die Ausstattung wird von den Kommunen auf Grundlage eigener Gefährdungsbewertungen festgelegt; der Bund bringt sich auf dieser Stufe nicht ein.


Bundeseigene Ausstattung kommt ab Versorgungsstufe 2 als standardisierter, flächendeckender Grundschutz und in Versorgungsstufe 3 im Rahmen des erhöhten Schutzes für gefährdete Regionen und Einrichtungen zum Einsatz. Für die Aufgabe der Detektion, Identifikation und Probenahme in CBRN-Lagen stehen dafür bundesweit Erkundungsfahrzeuge (ABC-ErkKW) zur Verfügung. Nach dem zwischen Bund und Ländern abgestimmten Ausstattungskonzept werden 450 ABC-ErkKW der Versorgungsstufe 2, weitere 50 ABC-ErkKW der Versorgungsstufe 3 zugeordnet. Mit dieser Verteilung ist eine bundesweite Verfügbarkeit der Fähigkeiten Detektion, Identifikation und Probenahme innerhalb ca. 30 Minuten nach Alarmierung realisierbar.

Karte der sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km Karte der sieben ATF-Standorte mit den Einsatzradien von ca. 200 km, Karte der ATF-Standorte (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Die sie­ben ATF-Stand­orte mit den Ein­satz­ra­di­en von ca. 200 km Quelle: BBK

Auf dem Fundament der Stufen 1 bis 3 baut der Sonderschutz mit Hilfe von Spezialkräften als Versorgungsstufe 4 auf.

Für den Bereich CBRN stellt die Analytische Task Force (ATF) mit ihren bundesweit sieben Standorten die Versorgungsstufe 4 dar.

Dies sind die Berufsfeuerwehren Hamburg, Dortmund, Köln, Mannheim und München, sowie das LKA Berlin und das Institut der Feuerwehr (IdF) Sachsen-Anhalt in Heyrothsberge bei Magdeburg.

Das Leistungsspektrum der ATF

Die ATF-Standorte beschäftigen Personal, das hinsichtlich der Bewältigung von CBRN-Lagen über große Einsatzerfahrung verfügt. Ein ATF-Standort wird geleitet durch eine Beamtin oder einen Beamten des höheren oder gehobenen Dienstes der Feuerwehr oder Polizei mit einschlägiger naturwissenschaftlicher Ausbildung (Diplom-Chemie o. ä.). Alle ATF-Standorte sind bereits im alltäglichen Dienstgeschäft in die Bewältigung von CBRN-Lagen eingebunden. Daraus resultiert eine hohe Einsatzerfahrung und Routine im Umgang mit den zur Verfügung stehenden Messgeräten. Die für die ATF täglichen Echtaufgaben sind somit zugleich das kontinuierliche Einsatztraining. Zudem nehmen die ATF-Standorte an Übungen teil.

Die Operatoren der Messgeräte der ATF verfügen über umfangreiche Ausbildung an den Messgeräten und bilden sich regelmäßig fort. Durch den wissenschaftlichen Hintergrund des ATF-Personals ist eine vollständige Bewertung der Messergebnisse möglich, sowie die Schlussfolgerung auf erforderliche Maßnahmen zur Bewältigung der Einsatzlage.

Die ATF bietet der Einsatzleitung vor Ort folgende Leistungen:

  • Detektion und Identifikation gefährlicher chemischer Substanzen und Substanzgemische
  • Überwachung großer Areale mittels Fernerkundung
  • Lokalisation und Identifikation luftgetragener Schadstoffe
  • Detektion von Alpha-, Beta- und Gammastrahlung, Nuklididentifikation
  • Situationsbewertung basierend auf Analyseergebnissen und toxikologischen Aspekten
  • Einschätzung der Lageentwicklung
  • Erarbeiten geeigneter Einsatzmaßnahmen
  • Beratung des Einsatzleiters vor Ort

Die Personalstärke und die mitgeführte Ausstattung werden lagebezogen im Dialog zwischen anfordernder Einsatzleitung und der ATF abgestimmt. An der Einsatzstelle ordnen sich die ATF-Einsatzkräfte in die bestehenden Führungsstrukturen am Einsatzort ein und unterstehen der Einsatzleitung bzw. der Einsatzabschnittsleitung Messen vor Ort. Die Kräfte der ATF werden ähnlich wie die Fachberatung eingegliedert und unterstützen bzw. ergänzen die vorhandenen Strukturen.

Die Unterstützungsleistungen der ATF

Telefonische Beratung

Die Unterstützungsleistung beginnt bereits durch die Herstellung des direkten telefonischen Kontaktes zwischen dem EL vor Ort und der Rufbereitschaft ATF. In dieser Stufe informiert der EL vor Ort die Rufbereitschaft ATF über das Schadensereignis. Basierend darauf unterbreitet die Rufbereitschaft ATF bereits Vorschläge zu Hilfsmaßnahmen oder benennt ggf. dem EL vor Ort einen Experten für die jeweilige Schadenslage.

Der Gerätewagen der Analytischen Task Force (ATF). Der Gerätewagen der Analytischen Task Force (ATF)., Der Gerätewagen der Analytischen Task Force (ATF). (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Der Ge­rä­te­wa­gen der Ana­ly­ti­schen Task For­ce (ATF). Quelle: BBK

Entsendung einer Verbindungsperson / eines Erkundungsteams

Entscheidet die Rufbereitschaft ATF nach dem telefonischen Kontakt mit dem EL vor Ort, dass eine persönliche Anwesenheit von Spezialisten aus der Analytischen Task Force an der Einsatzstelle notwendig ist, so wird eine Verbindungsperson ATF alarmiert und an die Einsatzstelle entsandt. Bei dieser Verbindungsperson handelt es sich um eine Führungskraft eines ATF-Standortes, die über das für die Beurteilung der Lage notwendige Fachwissen verfügt. Gegebenenfalls wird diese Verbindungsperson durch ein kleines Erkundungsteam mit Messtechnik unterstützt. Diese Unterstützungsleistung bietet sich beispielsweise als präventive Maßnahme bei planbaren Ereignissen an.

Entsendung der kompletten ATF

Wird entschieden, dass die Anwesenheit der kompletten Besetzung eines ATF-Standortes erforderlich ist, so rückt der Standort in kompletter Stärke mit der vollständigen analytischen Ausrüstung aus.