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Psychosoziale Notfallversorgung von Notfallopfern, Angehörigen und Einsatzkräften

Bundeseinheitliche Qualitätsstandards und Leitlinien zur Psychosozialen Notfallversorgung verabschiedet

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) veranstaltete am 10. November 2010 im Hause der Geschichte in Bonn eine Konsensus-Konferenz, auf der grundlegende bundeseinheitliche Leitlinien und Standards zur psychosozialen Betreuung von Notfallopfern und Angehörigen nach schweren Unglücksfällen und Katastrophen sowie für die „Hilfe für Helfer“ verabschiedet wurden.

Vortrag auf der Konsensus-Konferenz 2010 Vortrag auf der Konsensus-Konferenz 2010, Vortrag auf der Konsensus-Konferenz 2010 (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Vor­trag auf der Kon­sen­sus-Kon­fe­renz 2010 Quelle: BBK

Die Konsensus-Konferenz fand unter großer Beteiligung aller Institutionen und Organisationen, die die Psychosoziale Notfallversorgung in Deutschland maßgeblich verantworten, anbieten und anwenden, statt. Dazu gehören neben Bundesministerien und Behörden, Fachgesellschaften und Fachverbände der Psychologie, Psychiatrie und Katastrophenmedizin sowie des Öffentlichen Gesundheitsdienstes, die Feuerwehren (AGBF-Bund und DFV), die Hilfsorganisationen (ASB, DRK; JUH; MHD), die Notfallseelsorge sowie die Kammern und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung. Gleichzeitig waren Innenministerien und Senate der Länder durch die Referatsleiter für Katastrophenschutz oder Delegierte vertreten. Daneben beteiligten sich namhafte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Christoph Unger, Präsident des BBK, sowie Prof. Dr. Johann Weidringer, Vorsitzender der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern, unterstrichen in ihren Begrüßungsreden die Bedeutung bundeseinheitlicher Qualitätsstandards und Leitlinien für die Psychosoziale Notfallversorgung und hoben hervor, dass mit der Konferenz ein großer Meilenstein in der noch jungen Geschichte des Fachgebietes erreicht wurde. „Die Förderung der Qualitätssicherung in der Psychosozialen Notfallversorgung ist eine entscheidende Aufgabe des BBK. Nur durch qualitativ hochwertige und abgesicherte Angebote und Maßnahmen können die von schweren Unglücksfällen und Katastrophen Betroffenen adäquat unterstützt werden“, betonte Christoph Unger. Und Johann Weidringer hob anerkennend hervor: „Selten zuvor ist es wie hier gelungen, Wissenschaft und Praxis konstruktiv miteinander zu verknüpfen, unterschiedliche Organisationsinteressen und praktische Hilfeleistung in Einklang zu bringen und gleichzeitig ein hohes fachliches Niveau zu gewährleisten.“

Wunsch nach Handlungssicherheit war Ausgangspunkt 

Die Konsensus-Konferenz 2010 bildet den Abschluss eines dreijährigen Arbeits- und Abstimmungsprozesses mit Konferenzen in den Jahren 2008 und 2009, auf denen Zwischenergebnisse zu allen relevanten Themen der Psychosozialen Notfallversorgung in der Gefahrenabwehr verabschiedet wurden. 

Themen, zu denen Qualitätsstandards und Leitlinien verabschiedet wurden:

  • Informationsmanagement: Grundlagen und Begriffe, Erfassungsstandards,  Dokumentation und Evaluation
  • Psychosoziales Krisenmanagement und strukturelle Regelungen: Führungs- und Organisationsstrukturen PSNV, PSNV-Führungskräfte
  • Einsatzalltag: psychosoziale Akuthilfe, psychosoziale Prävention für Einsatzkräfte
  • Schnittstellen, Zuständigkeiten und Vernetzung: Kommunale Zuständigkeit, Fachaufsicht und Weisungsbefugnisse, Schnittstelle Betreuungsdienst, interdisziplinäre Kommunikation und Zusammenarbeit
  • Aus- und Fortbildung: Tätigkeits- und Kompetenzprofile, curriculare Empfehlungen

Viele Pioniere der PSNV nahmen an der Konferenz teil. V.l.n.r.: Peter Sachse, Joachim Müller-Lange, Hanjo von Wietersheim, Kai Gusek, Jochen Heinecke Viele Pioniere der PSNV nahmen an der Konferenz teil. V.l.n.r.: Peter Sachse, Joachim Müller-Lange, Hanjo von Wietersheim, Kai Gusek, Jochen Heinecke, Viele Pioniere der PSNV nahmen an der Konferenz teil. (Vergrösserung öffnet sich im neuen Fenster)Vie­le Pio­nie­re der PS­NV nah­men an der Kon­fe­renz teil. V.l.n.r.: Pe­ter Sach­se, Joa­chim Mül­ler-Lan­ge, Han­jo von Wie­ters­heim, Kai Gu­sek, Jo­chen Hei­ne­cke Quelle: BBK

Ausgangspunkt der Konferenzen ist der verstärkt geäußerte Wunsch nach mehr Handlungssicherheit und wissenschaftlich abgesicherte fachlicher Orientierung für psychosoziale Maßnahmen und Methoden in Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei sowie im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Mit den Ergebnissen der Konferenzen soll der Entwicklung der letzten 15 Jahre entsprochen werden, seitdem in Deutschland vielerorts Notfallseelsorgedienste und Kriseninterventionsteams im Rettungsdienst gebildet werden, die die medizinische und technische Hilfeleistung bei schweren Unglücksfällen und Katastrophen ergänzen. Auch werden im Einsatzwesen Teams aus speziell geschulten Kollegen (Peers) und psychosozialen Fachkräften (wie beispielsweise Feuerwehrseelsorger) gegründet, um Helfer auf belastende Erfahrungen im Einsatz- oder Wachalltag vorzubereiten und bei der Verarbeitung von psychisch belastenden Einsätzen zu unterstützen. Die Qualität dieser Angebote in Ausbildung und Praxis ist allerdings in Deutschland sehr heterogen. Außerdem fehlt diesem jungen Fachgebiet vielfach die wissenschaftliche Absicherung.

Damit Betroffene von schweren Unglücksfällen und Katastrophen im Bedarfsfall eine adäquate Unterstützung bekommen und Einsatzkräfte sowohl physisch als auch psychisch professionell vorbereitet in den Einsatz gehen können und qualifizierte Entlastungsmöglichkeiten erhalten, hat sich das BBK die Qualitätssicherung der Psychosozialen Notfallversorgung zur Aufgabe gemacht. Schon 2003 wurde ein eigenes Forschungsprogramm zu psychosozialen Fragen im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz aufgelegt. Erste Studienergebnisse liegen bereits vor (www.psychosoziale-notfallversorgung.de; www.einsatzkraft.de , www.gesundheit-im-einsatzwesen.de), weitere Forschungsarbeiten werden beauftragt. Ein weiterer Schritt war die Vorbereitung und Moderation der Konsensus-Konferenzen, die durch eine äußerst konstruktive Arbeitsatmosphäre gekennzeichnet war und durch die nun eine fundierte fachliche Absicherung der Psychosozialen Notfallversorgung in Deutschland erreicht ist. In diesem Sinne verdeutlichten die Vertreter der verschiedenen Institutionen und Organisationen in ihren Redebeiträgen diese Bedeutung.

Breiten Konsens erreicht – nur eine Gegenstimme

Zum Abschluss der Konsensus-Konferenz 2010 stimmten bis auf eine Ausnahme alle Delegierten mit ihrer Unterschrift den gemeinsam erarbeiteten Ergebnissen zu.

Die Bundespsychotherapeutenkammer konnte ihre Unterschrift nicht geben, da aus ihrer Sicht die Rolle und Aufgabe der Heilkunde in der psychosozialen Akuthilfe für Notfallopfer und Angehörige in den ersten Stunden nach einem Notfallereignis noch nicht endgültig geklärt ist. Der Delegierte machte in seinem Statement allerdings deutlich, dass die Kammer mit allen Konsensus-Partnern zusammen den gemeinsam eingeschlagenen Weg der Qualitätssicherung in der Psychosozialen Notfallversorgung fortsetzen wolle.

Ergebnisse und weitere Informationen 

Nachdem 2009 bereits Teil I der Publikation „Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien“ veröffentlicht wurde,

Deckblatt vom Band 7 - Reihe Praxis im Bevölkerungsschutz

steht nun der angekündigte Teil II als siebter Band der Veröffentlichungsreihe „Praxis im Bevölkerungsschutz“ als Download zur Verfügung. In Teil II wurde Teil I vollständig integriert. Damit sind sämtliche Ergebnisse zur Qualitätssicherung in der PSNV, die in einem dreijährigen Arbeits- und Abstimmungsprozess unter Moderation des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) von 120 Delegierten aus 45 Organisationen und Institutionen entwickelt und auf so genannten Konsensus-Konferenzen 2008, 2009 und 2010 verabschiedet wurden, zusammengefasst dargestellt.

Praxis im Bevölkerungsschutz - Band 7:

Psychosoziale Notfallversorgung: Qualitätsstandards und Leitlinien
(Teil I und II)
3. Auflage / 07.2012
Praxis im Bevölkerungsschutz - Band 7



An den Konsensus-Konferenzen beteiligte Organisationen und Institutionen, Hochschulen, Innenministerien und Senaten der Länder: 

  • Arbeiter-Samariter-Bunde Deutschland e.V.
  • Arbeitsgemeinschaft der Leiter der Berufsfeuerwehren in der Bundesrepublik Deutschland
  • Auswärtiges Amt
  • Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V.
  • Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
  • Bundesanstalt Technisches Hilfswerk
  • Bundesarbeitsgemeinschaft Psychosoziale Unterstützung Einsatzkräfte
  • Bundesärztekammer
  • Bundeskriminalamt
  • Bundesministerium der Verteidigung
  • Bundesministerium des Innern
  • Bundespolizei
  • Bundespsychotherapeutenkammer
  • Bundesverband der Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.
  • Bundesvereinigung Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen e.V.
  • Deutsche Gesellschaft für Katastrophenmedizin e.V.
  • Deutsche Gesellschaft für Post-Traumatische-Stress-Bewältigung e.V.
  • Deutsches Rotes Kreuz e.V.
  • Deutscher Feuerwehrverband e.V.
  • Deutschsprachige Gesellschaft für Psychotraumatologie e.V.
  • Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung
  • Johanniter-Unfall-Hilfe e.V.
  • Konferenz der Diözesanbeauftragten für die katholische Notfallseelsorge
  • Konferenz Evangelische Notfallseelsorge in der Evangelischen Kirche Deutschlands
  • Malteser Hilfsdienst e.V.
  • Schutzkommission beim Bundesminister des Innern
  • Hochschulen Berlin, Freiburg, Magdeburg-Stendal und München
  • Innenministerien und Senaten der Länder Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Schleswig-Holstein