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20.01.2016Vorsorge und Selbsthilfe

Interkulturelle Kompetenz
- Wie können Helfer helfen und Menschen Hilfe richtig verstehen?

Rettung und Hilfe für alle Menschen ist eine Selbstverständlichkeit. Der Umgang mit der Unterschiedlichkeit der Menschen ist es nicht immer – sowohl bei den Helferinnen und Helfern als auch bei den Menschen, denen geholfen wird.

Das Symposium zum Thema „Interkulturelle Kompetenz im Bevölkerungsschutz“ fand am 16. und 17. Januar 2016 an der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) statt. 108 Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen insgesamt zu der Veranstaltung.

Das Thema ist zwar ein hochaktuelles, das BBK arbeitet jedoch schon seit Jahren in diesem Bereich. Eine Studie, die das BBK 2010 in Auftrag gegeben hatte, wurde von der Universität Greifswald durchgeführt. Die Studie macht deutlich, dass es keine Checklisten für richtiges oder falsches Verhalten im interkulturellen Kontext gibt. Christoph Unger, Präsident des BBK fasst die Ergebnisse zusammen: „Wichtig ist für uns die Erkenntnis: alle müssen ihren Beitrag leisten. Retter müssen gut interkulturell geschult werden, diejenigen die Hilfe brauchen müssen die Hilfe auch verstehen können, und das Hilfeleistungssystem muss insgesamt die Realitäten in Deutschland widerspiegeln.“

„Ziel der Studie war es, ein wissenschaftlich fundiertes Konzept zur Ausbildung von Führungs- und Einsatzkräften im Bevölkerungsschutz zu schaffen“, so Prof. Dr. Silke Schmidt, Leiterin des Forschungsprojektes an der Uni Greifswald. Damit liegt der Fokus vor allem auf einem nachhaltigen Schulungskonzept.

Akute Unterstützung für Helferinnen und Helfer ist vor allem im Kontext der Flüchtlingssituation der letzten Monate wichtiger geworden, auch wenn die Studie langfristig angelegt ist und ihren Fokus vor allem auf ein fundiertes mittelfristiges Training legt. Die hohe zeitliche und emotionale Belastung von Helferinnen und Helfern kann zu Stress, Überforderung und Frustration führen, und dem sollte in der aktuellen Situation durch konkrete Entlastungsangebote vorgebeugt werden.

„Der Bedarf an fundiertem Schulungsmaterial ist sehr groß“, sagte Dr. Jutta Helmerichs, Referatsleiterin Psychosoziales Krisenmanagement im BBK. „Das Symposium hat gezeigt, dass die Einsatzkräfte im Bevölkerungsschutz und in der Katastrophenhilfe am Austausch mit Menschen verschiedener Kulturen sehr interessiert sind und die Belastungen in Notfallsituationen für alle Seiten so gering wie möglich halten möchten.“

Was hat die Studie für Ergebnisse geliefert?

Für die Helferinnen und Helfer: Soziale Kompetenz ist wichtiger als kulturspezifisches Wissen

Kultur-Person-Situations-Modell Kultur-Person-Situations-Modell, Kultur-Person-Situations-Modell (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Das Kul­tur-Per­son-Si­tua­ti­ons-Mo­dell Quelle: BBK

  • Soziale Kompetenz bildet die Basis, auf die Helferinnen und Helfer mit kultureller Sensibilität aufbauen können. Damit Helferinnen und Helfer ihre Aufgabe wahrnehmen können, müssen sie einen guten Zugang zu den Menschen finden, die Hilfe brauchen. Patentrezepte für jede Lage gibt es nicht. Mit dem Instrument der KPS-Methode (Kultur, Person, Situation) können kritische Einsatzsituationen erfasst und analysiert werden, um auf dieser Grundlage angemessene Strategien zu entwickeln und konkrete Handlungsoptionen umzusetzen.
  • 79 Ausbilderinnen und Ausbilder haben bisher an den „Train-the-Trainer“ Kursen teilgenommen, und haben das Trainingskonzept als sehr praxisorientiert und positiv bewertet. Jetzt kann die Schulung im Rahmen der Ausbildung bei Feuerwehren und Hilfsorganisationen in die Fläche getragen werden.

Für Migrantinnen und Migranten: Menschen müssen erst einmal wissen: wer kann wie wann helfen.

  • Menschen müssen das Notfallhilfesystem in Deutschland kennen und verstehen, um Vertrauen in Strukturen und Menschen aufzubauen. Das gibt Handlungssicherheit, trotz Sprachbarrieren. Die Scheu einen Notruf abzusetzen muss überwunden werden, Menschen müssen wissen wie sie sich und andere schützen können und sie müssen die richtigen Worte kennen, um sich verständlich zu machen.
  • Die Volkshochschule Hamburg und die Hamburger Feuerwehr haben Lehrmaterial in Sprachkursen für Migrantinnen und Migranten angewendet – mit großem Erfolg und positiver Resonanz der Sprachschülerinnen und -schüler.

Schaubild - Verhalten im Brandfall Schaubild - Verhalten im Brandfall, Schaubild - Verhalten im Brandfall (Vergrößerung öffnet sich im neuen Fenster)Schau­bild - Ver­hal­ten im Brand­fall Quelle: Feu­er­wehr Ham­burg

Für das Hilfeleistungssystem in Deutschland: Hilfsorganisationen müssen sich für alle öffnen

  • Menschen mit unterschiedlichem kulturellem, sozialem Hintergrund in das deutsche Hilfsleistungssystem zu integrieren ermöglicht es, die ‚andere Seite‘ zu ‚unserer Seite‘ zu machen. Interkulturelle Öffnung bedeutet für die Hilfsorganisation eine Erleichterung beim Umgang mit verschiedenen soziokulturellen Gruppen und eine Chance, das eigene Bestehen angesichts der demografischen Entwicklung in Deutschland langfristig zu sichern. Die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder Flüchtlingen in das deutsche Hilfeleistungssystem schafft Multiplikatoren für lebenswichtiges und –rettendes Wissen unter Migrantinnen und Migranten und Flüchtlingen. Durch gemeinsame Arbeit kann außerdem eine „gelebte interkulturelle Kompetenz“ entstehen.
  • Das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) haben bereits Pilotprojekte gestartet, um mehr Menschen mit ganz verschiedenen sozialen und kulturellen Hintergründen für die Arbeit mit und in einer Hilfsorganisation zu begeistern.

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